Über 90 Jahre Experimentalfunk in Wismar

Dr.-Ing. Adolf Weingarten

Beruflicher Werdegang

Dr.-Ing. Weingarten (geboren am 4. Dezember 1889) kam aus der Industrie, war u.a. in den Zeppelin Werken Berlin Staaken Chefkonstrukteur und Betriebsleiter (*) und vor seiner Dozentur von 1925 bis Oktober 1928 Oberingenieur in der Wismarer Podeus AG (und gemäß seiner Korrekturhinweise zum Laufbahnblatt auch Direktor und Vorstandsmitglied der AG) .  (*) - lt. Prof. Dr. phil. Dipl.-Ing. Matthias Schubert, WB Heft 25/2019)

Mehr zu Studium und zur beruflichen Entwicklung Auszüge aus seinen Laufbahnblättern:

  

1928 wechselte Weingarten zur Akademie und wurde Dozent im Maschinenbau und begann eine Materialprüfstelle in der Kapelle der Heiligen-Geist-Kirche Wismar aufzubauen.

Materialprüfstelle der Akademie

Nach Carl Michenfelder wurde Weingarten von 1930 Direktor der Akademie. Unter Weingarten erfolgte umgehend eine durchgreifende Modernisierung der Lehr- und Stundenpläne, die mit Billigung des Kuratoriums sofort erfolgreich eingeführt wurden. Jedoch faschistisch verhetzte Studenten griffen ihn mit Presseunterstützung an, so auch, weil er Ausländern auf Grund der Sprachprobleme längere Studienzeiten zubilligte. Die Nationale Studentenschaft letztlich vom Rat der Stadt seine Amtsentlassung und drohten mit Boykott der Akademie.  So wurde am 29. Oktober 1931 per Ratsbeschluss Weingarten nahegelegt, seinen Posten freiwillig zu räumen, bei gleichzeitigem Lob für seine erfolgreiche Amtsführung. (umfassend mehr zu diesem Vorgang im Artikel von Prof. Dr. phil. Dipl.-Ing. Matthias Schubert, Wismarer Beiträge Heft 25, Seite 230-245)

Weingarten hatte das Versprechen der Weiterbeschäftigung, blieb Dozent, lehrte Metallographie, forschte zur Leichtmetallverarbeitung und baute die Materialprüfanstalt weiter aus. Nachdem nach der Machtergreifung der Nazis am 23. März 1933 die Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt wurde, trat aus Protest gegen die faschistische Bildungspolitik der amtierende Akademiedirektor Böttger zurück. Das NSDAP-Mitglied Dozent Dipl.-Ing. Berthold wurde eingesetzt, der die sofortige Kündigung des Juden Dr.-Ing. Adolf Weingarten veranlasste (unter Weingarten wurde im Sommer 1931 Berthold gekündigt, nachdem er zur Immatrikulationsfeier den Faschismus verherrlichte).

Weingarten verließ mit seiner Frau 1934  Deutschland und hielt sich in seinen fast zwanzig Jahren Emigration in Palästina und Israel auf. 1947 wollte Georg Münter (Direktor 1945-1947) Dr. Weingarten als seinen Nachfolger. Doch ein  entsprechender Brief von Münter erreichte Weingarten in Palästina zu spät, zusätzlich gab es Visaprobleme.  (Aussagen von Prof. Dr. phil. Dipl.-Ing. Matthias Schubert zu persönlichen Gesprächen mit der Ehefrau und dem ihm vorliegenden Nachlass Weingartens)

Das besondere Verhältnis zu Dr.-Ing. Kurt Heinrich

Vor dem Hintergrund des Gesamtschicksals des jüdischen Dozenten Dr.-Ing. Adolf Weingarten, gestaltet sich ein Verständnis für sein Verhalten als Akademie-Direktor 1930 bei den Bestrebungen, Dr.-Ing. Kurt Heinrich abmahnen zu lassen und letztlich eine Kündigung herbeizuführen, etwas schwierig. So hatte Weingarten u.a. zwei  Briefe  von Heinrich im Sekretariat abfangen und diese dann kommentiert  kommentiert an den Vorsitzenden des Kuratoriums der Ingenieur-Akademie  gesandt.

Vielleicht war es die teils laxe Art Heinrichs (z.B. zu  Stundenausfall ), die Weingarten (drei Jahre älter als Heinrich) störte und er deshalb meinte, ihn maßregeln lassen zu müssen. Weingarten dürfte die mögliche Tragweite seiner Beschwerde klar gewesen sein. So bewirkte sein Brief letzten Endes in krampfhafter Ergänzung weiterer Punkte, dass ein Gremium von nur fünf Personen (hier Disziplinarausschuss genannt) anhand teils nur sehr vager Anschuldigungen Heinrich eine fristlose Kündigung zum 1. Oktober 1931 aussprechen wird. Im Gegensatz zu späteren Gremien der Neuzeit mit ähnlich weitreichender Entscheidungsbefugnis, deren Urteil ohne Beweisnot nur auf vorgelegten oder geäußerten Anschuldigungen basierten, war Heinrich immerhin noch die Möglichkeit des juristischen Einspruchs gegeben, die er - zunächst noch siegesgewiss - nutzte. (mehr)

Der 29. Oktober 1931

Am 29. Oktober 1931 fielen zwei bedeutende Ereignisse im Zusammenhang mit Heinrichs Kündigung grotesker Weise zusammenfallen. Es war der Tag, an dem

und

  • Heinrichs Widersacher, Dr. Weingarten, genötigt wird, als Direktor zurückzutreten.

Unter Weingarten wurde im Sommer 1931 dem Dozenten Dipl.-Ing. Berthold (späterer Direktor von 1933-1937!) gekündigt, nachdem er zur Immatrikulationsfeier den Faschismus verherrlichte. Danach sah sich Weingarten einer massiven faschistischen und antisemitistischen Hetze ausgesetzt. Um eventuellen Abwanderungen und anderen Problemen entgegenzuwirken, wird Weingarten vom Rat genötigt, freiwillig zurückzutreten - vollen Lobes für seine geleistete Arbeit.

Nachlass von Dr.-Ing. Adolf Weingarten

Es gibt einen umfänglichen Nachlass zum Dr.-Ing. Adolf Weingarten (er starb 1967), den  Prof. Dr. phil. Dipl.-Ing. Matthias Schubert  (Bauingenieur, Architekt und Historiker) nach dem nun auch Ableben der Ehefrau übernehmen durfte. Einiges an neuen Erkenntnissen hat Prof. Schubert bereits in den Wismarer Beiträgen 2019 (Seite 230-245) präsentiert.

Matthias Schubert, Die Vertreibung jüdischer Dozenten von der Ingenieur-Akademie Wismar durch den Hitler-Faschismus 1933-1936

 

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